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Deutsche Seiten, 24. 8. 2026
Meine Damen und Herren,
vielen Dank, dass Sie mich auch zu Ihrem diesjährigen Forum hier in Vyšší Brod eingeladen haben. Ihre Einladung bedeutet für mich, dass ich Sie, hoffe ich, mit meiner Rede hier im letzten Jahr nicht völlig enttäuschte.[1] Ich bin wirklich froh, dass ich von Ihnen wieder die Gelegenheit bekommen habe, hier, in diesem wunderschönen Kloster und mit dieser exklusiven Gruppe von Menschen, zu sein.
In meiner Rede letztes Jahr – mit dem Titel „Die Welt von Heute und Ihre Feinde“ – habe ich über den aggressiven Angriff der Modernität (und der unverantwortlichen Modernisten) auf die traditionelle Gesellschaft in Europa gesprochen. Die Wurzeln dieses Angriffs sehe ich – wahrscheinlich ähnlich wie Sie – in der Entwicklung der europäischen Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert und besonders in den radikalen Veränderungen, zu denen es in den letzten Jahrzehnten gekommen ist. Es ist wahrscheinlich nicht nötig zu sagen, dass dieser Angriff nicht von den Migranten kommt, sondern von den nicht migrierenden Europäern. Ihre diesjährige Frage „Was ist die katholische Tradition?“ ist für mich untrennbar mit einer anderen Frage verbunden: Was ist Europa? Was hat Europa zu Europa gemacht?
Die heutige Gefahr sehe ich in der Aggressivität verschiedener heutiger Ismen, Doktrinen und Ideologien wie Progressivismus, Environmentalismus, Multikulturalismus, Globalismus und Genderismus und in der Aggressivität der Aktivisten dieser Ideologien. Diese Themen werde ich heute nicht wieder diskutieren. Die Rede zu diesem Thema im letzten Jahr war für mich relativ einfach. Das waren meine Themen, und Ihre Einladung motivierte mich nur dazu, diese Themen aus einer teilweise anderen Perspektive zu betrachten.
Ihr heutiges Thema ist anders. Ich bin leider kein Experte für die Details der katholischen Tradition. Ich bin kein Theologe oder Kirchenhistoriker. Auf diesem Gebiet habe ich keine komparativen Vorteile. Die katholische Tradition nehme ich als etwas für mich Gegebenes. Als etwas, das ich implizit als etwas Unantastbares akzeptiere. Ich diskutiere sie nicht. Die katholische Tradition ist für mich ein wesentlicher Bestandteil der europäischen Zivilisation, etwas, das Europa von anderen Zivilisationen unterscheidet. Wenn wir in dieser Hinsicht über Europa sprechen, sprechen wir nicht über Geographie. Unser Europa ist das Ergebnis einer langen historischen, aber nicht geologischen Entwicklung, in der das Christentum eine entscheidende Rolle spielte. Deshalb wollen die Progressivisten die Vergangenheit vergessen und vernichten.
Diese europäische Tradition sieht man besser von außen als von innen. Ich würde nie den Satz „ich bin ein Europäer“ in Europa verwenden. In Neuseeland oder beim Skifahren in den Rocky Mountains in Colorado ist dieser Ausdruck logisch und manchmal notwendig. Hier im Mitteleuropa sieht man die Außerordentlichkeit Europas nicht klar. Bei einem Besuch in Japan, in Indonesien, oder in Nigeria ist es anders. Deshalb sollte man reisen, nicht nur, um in der Sonne zu liegen.
Europa ist für mich ohne Christentum, ohne die katholische Kirche, ohne ihre Vorstellungen vom Menschen, von Familie, von Verantwortung, von Freiheit und von Moral nicht zu verstehen. Darin liegt – in einer vereinfachten Verkürzung – mein Verständnis der Rolle der katholischen Tradition. Hier in Vyšší Brod, in diesem Stift, fühlt man die katholische Tradition direkt, authentisch.
Traditionen, als ein über Generationen gewachsener Zusammenhang von Überzeugungen, Erfahrungen, Normen und Institutionen, sind eine Voraussetzung für die Kontinuität, die für jede funktionsfähige Gesellschaft absolut notwendig ist. Sie sind wichtig auch für unsere Orientierung in der Gesellschaft. Der moderne Mensch irrt sich, wenn er glaubt, dass jede Generation die Welt neu erfinden könne. Er will die Vergangenheit, ihre Institutionen und ihre ererbten Werte unverantwortlich dekonstruieren. Und auch die katholische Tradition. Wir haben Angst, dass es zu einer vernichtenden Leere führen wird.
Der heutige massive Angriff auf die Traditionen ist ein Angriff auf die ganze europäische Zivilisation. Das wollen wir, die hier sind, nicht passiv akzeptieren. Deshalb sind wir da. Wir sind keine Menschen ohne Vergangenheit, wir schätzen die Vergangenheit sehr hoch.
Die Vorstellung eines Menschen ohne Geschichte, ohne Geschlecht, ohne Nation, ohne Religion, ohne kulturelle Zugehörigkeit ist keine Befreiung des Menschen. Der Versuch, Europa von seinen christlichen Wurzeln zu trennen, bedeutet nichts weniger als eine bewusste Veränderung der europäischen Identität.
Tradition zu verteidigen, bedeutet nicht, die Zeit anzuhalten. Wir wissen, dass die Tradition nicht Traditionalismus ist und dass die Bewahrung der Tradition keine Unveränderlichkeit erfordert. Jede lebende Gesellschaft muss sich verändern. Aber Veränderung ist nicht die Ablehnung der Vergangenheit.
Eine Institution wie die katholische Kirche existiert seit zweitausend Jahren. Ihre Stärke besteht deshalb nicht darin, jeder gesellschaftlichen Mode einige Jahre verspätet zu folgen. Wir müssen auch fähig sein, die Frage zu stellen, wie und in welchem Ausmaß die katholische Kirche zu der heutigen negativen Entwicklung beigetragen hat. Das ist aber kein Thema für ein kurzes, unambitioniertes Grußwort.
Jetzt werde ich Schluss machen. Ich hatte nicht die Absicht, eine seriöse Rede zu diesem Thema zu halten. Ich wollte Sie heute nur kurz begrüßen. Was ich aber am Ende trotzdem sagen möchte, ist meine Überzeugung, dass Europa ohne seine christliche Tradition nicht Europa bleiben kann.
[1] Klaus V., Die Welt von Heute und Ihre Feinde, Katholisches Forum St. Georg, Stift Vyšší Brod, 29. August 2025, https://www.klaus.cz/clanky/5601
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