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Prof. Sinns Rede: Chiemsee Dinnerspeech

Deutsche Seiten, 17. 6. 2018

Sehr geehrter Prof. Sinn, sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung zu der heutigen Veranstaltung, vielen Dank für die Gelegenheit nach mehr als 20 Jahren wieder einmal hier am Chiemsee zu sein.

Ich war hier wirklich nur einmal. Es war aber ein symbolisches Treffen. Mit dem damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber wollten wir unsere gute Beziehungen und unser gemeinsames Verständnis demonstrieren. Wir hatten uns zuerst in der westböhmischen Stadt Domažlice (Taus) getroffen und dann hier am Chiemsee.

Das Treffen war ohne Zweifel positiv. Wir haben meistens über die Zukunft gesprochen. Wir beide haben die notwendige Voraussetzung angenommen, dass es nicht möglich ist, die Vergangenheit zu ändern, dass wir die Vergangenheit – mit Freude oder mit Bedauern – akzeptieren müssen und dass sich jeder mit seiner Vergangenheit aussöhnen sollte. Gerade das war für mich die Basis, an der wir mit Bundeskanzler Kohl die tschechisch-deutsche, oder deutsch-tschechische Erklärung im Januar 1996 vorbereitet haben.

Die Atmosphäre am Chiemsee war damals sehr freundlich. Ich habe die Schönheit dieser Gegend bewundert. Wir haben das bayerische Bier, das fast so gut wie das tschechische ist, getrunken. Dieses Treffen hatte nur ein kleines Problem – in meinem Leben wurde ich noch nie von so vielen Mücken attackiert wie damals. Es war fast unerträglich. Wie ich sehe, ist es heute viel besser. Auch das ist der Beweis für den langfristigen Fortschritt in den tschechisch-bayerischen Beziehungen.

Noch einmal vielen Dank für Ihre Einladung. Als ein Rentner, viel älter als Prof. Sinn, bin ich trotzdem noch relativ viel beschäftigt. Prof. Sinn wird in meinem Alter bestimmt noch aktiver sein. Als ich am Anfang dieses Jahres den Brief mit der Einladung hierher zu kommen erhalten habe, hat meine Sekretärin nur drei Sätze mit gelbem Marker unterstrichen:

- wer hat die Einladung gesendet;

- wann ist die feierliche Veranstaltung;

- und dass ich hier auch etwas sagen sollte.

Ich muss zugeben, dass ich damals, irgendwo unterwegs, nicht den ganzen Brief gelesen habe. Vor ein paar Wochen habe ich den Brief gesucht, um herauszufinden, zu welchem Thema von Prof. Sinn Themen sollte ich hier sprechen. Ich habe das Programm der ganzen Konferenz aufmerksam studiert, meinen Namen habe ich dort aber nicht gefunden. Das war für mich eine Überraschung und Enttäuschung zugleich. Viel später habe ich bemerkt, dass nach der Beendigung der Konferenz ein Abendessen und eine „Dinnerspeech“ geplant ist. Dort habe ich meinen Namen gefunden.

Es ist für mich nicht einfach, eine solche Dinnerspeech zu halten. Als Volkswirt kann ich mit Vergnügen einige Sachthemen von Hans-Werner Sinn diskutieren. Bestimmt nicht alle, er hat eine unglaubliche Breite an Kenntnissen in seinem Leben gesammelt. In dieser Hinsicht hat er keine Konkurrenz. Sein ganzes Werk und seinen gesamten Beitrag zur Volkswirtschaftslehre und zur deutschen Wirtschaftspolitik erlaube ich mir deshalb nicht zu bewerten oder beurteilen. Das ist von mir keine leere Höflichkeit, das ist das freiwillige und aufrichtige Zugeständnis meiner begrenzten Kenntnisse.

Vor ein paar Wochen habe ich von Prof. Sinn seine Memoiren, seine Autobiografie, sein Buch mit dem anspruchsvollen Titel „Auf der Suche nach der Wahrheit“ bekommen. Ich habe das ganze Buch wirklich gelesen. Mit meiner nicht so guten Kenntnis der deutschen Sprache war es eine Leistung für mich. In meinem Leben habe ich noch nie fast 700 hundert Seiten in Deutsch gelesen. Das ist wahrscheinlich auch mehr als was ich in der deutschen Sprache in meinem ganzen Leben gelesen habe. Die Volkswirtschaftslehre ist in Englisch, nicht im Deutsch.

Ich hoffe, dass sich der Verlag Herder – und nicht Prof. Sinn selbst – den Titel seines Buchs ausgedacht hat. Ich bin mir nicht sicher, dass die Wahrheit irgendwo zum Finden ist. Das glaube ich nicht. Man kann „nur“ die Realität der Welt fleißig studieren, analysieren und – eventuell – einige Hypothesen über die Beziehungen zwischen verschiedenen Variablen (auch in den Sozialwissenschaften) suchen und im besten Fall finden. Man kann auch – mit aller Vorsicht – ab und zu normative Empfehlungen machen. Aber die Wahrheit? Die ist nur den Göttern anvertraut. Nicht den Sterblichen.

Die einzelnen Sachthemen von Prof. Sinn wurden hier den ganzen Tag lang diskutiert. Ich habe viel erfahren und gelernt. Die Redner haben hier den Beitrag von Prof. Sinn gründlich eingeschätzt und beurteilt. Damit möchte ich nicht in Wettbewerb treten. Man sieht zwei Phasen seines Fachlebens – die mathematisch-theoretische Forschung am Anfang und die Politikempfehlungen in den letzten 30 Jahren. Diese Abfolge finde ich korrekt und fast notwendig. In seinem Buch spricht Prof. Sinn davon, dass dieser Übergang in seinem Fall mit der deutschen Wiedervereinigung verbunden war. Das verstehe ich. Ich selbst habe etwas Ähnliches nach dem Fall des Kommunismus erlebt.

Heute Abend werde ich die für mich interessanten Empfehlungen der deutschen Ökonomen, was mit den neuen deutschen Bundesländern – der ehemaligen DDR – zu tun sei, nicht diskutieren. Meine Position dazu ist relativ kritisch – man sollte nicht eine Vereinigung ohne (oder anstatt einer) Transformation der Gesellschaft machen.

Die Vereinigung ohne Transformation ist enorm teuer und kostspielig. Prof Sinn spricht in seinem Buch unter anderem über sein Treffen mit Paul Samuelson im Jahr 1990 in Washington. Prof. Samuelson hat die tragischen Folgen der naiven „Angliederung“ von Porto Rico an USA damals erwähnt. Prof. Sinn schreibt noch heute, „dass die deutsche Politik die Brisanz dieses Themas nicht erkannte“ (s. 43). Das glaube ich nicht. In der damaligen Tschechoslowakei war es für uns in dieser Zeit das Hauptthema. Die Transformation haben wir aber selbst gemacht (und selbst bezahlt).

Prof. Sinn ist ein wirklicher Freund meines Landes. Er weiß über uns Details, die die Menschen im Ausland normalerweise nicht wissen. Er kennt die tschechische Kultur und viele Tschechen. Er spricht sehr positiv über mich, über meine politischen Leistungen, über meine Ideen, über „meine argumentative Schärfe“, etc.

Das ist für mich zu schmeichelhaft. Gleichzeitig sagt er nämlich, dass er „meinen Urteilen – über die Entwicklung der EU und des Euro, über den Ukraine-Konflikt, über Klimawandel, über die Chicago School of Economics, über die Rolle des Staates in der Volkswirtschaft – kritisch gegenüber“ (s. 187) steht. Prof. Sinn fügt unglaublich freundlich hinzu: „Das macht aber nichts. Man muss nicht auf einer Linie liegen, um sich zu schätzen“ (s. 187).

Das ist freundlich und großzügig. Ich muss aber leise und bescheiden sagen, oder vielleicht nur flüstern, dass gerade diese Themen die Hauptthemen meines Lebens sind.

Diese meine Dinnerspeech ist aber keine „book review“. Heute Abend sollte ich Herrn Professor nur loben. Er verdient es. Welche von seinen gegenwärtigen Thesen, Begriffen, und Positionen finde ich als besonders wichtig? Ich werde sie nur kurz andeuten, ich werde dazu seine eigenen Formulierungen benützen:

- Ist Deutschland noch zu retten?

- der falsch konstruierte Sozialstaat

- die deutsche Energiewende als ein utopischer Versuch

- warum Politiker ihre eigene Agenda verfolgen

- die Wiederannäherung an Russland liegt im deutschen und europäischen Interesse

- das Hauptproblem Europas ist immer noch der Euro,  „Gefangen im Euro“, der Euro als Zankapfel, Targetsalden und Targetüberziehungskredite, die Verwandlung der Staatspapiere Südeuropas in Eurobonds,

- die Kritik des QE (Quantitative Easing),

- Beratungsresistenz der Politik, etc.

In allen diesen Bereichen hat Prof. Sinn eine bewundernswerte und originelle Arbeit geleistet. Alle diese Themen musste er in heutiger politisch korrekten und Meinungsverschiedenheiten nicht akzeptierender Zeit schwer durchsetzen.

Am Ende noch eine kleine Bemerkung. Als ich Prof. Sinns Autobiografie gelesen habe, bin ich zu der Idee gekommen, dass auch ich ein solches Buch schreiben sollte. Und nicht nur das. Ich kann gleich sagen, dass das Buch vom Prof. Sinn mir als Vorbild dienen wird.

Václav Klaus, Chiemsee-Dialog zwischen Wissenschaft und Wirtschaft anlässlich des 70. Geburtstags von Hans-Werner Sinn, Kloster Frauenchiemsee, 16. Juni, 2018.

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