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Rede des Präsidenten der Tschechischen Republik zu den deutsch-tschechischen Beziehungen: Versöhnen wir uns mit der Vergangenheit

Deutsche Seiten, 28. 3. 2004

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich wirklich sehr, dass ich am ersten Tag meines offiziellen Besuchs der Region Ústí zumindest am Schluss an Ihrer Konferenz teilnehmen kann. Sie findet in einer Zeit statt, in der sich mit der Erweiterung der Europäischen Union um weitere zehn zweifellos und authentisch europäische Staaten neue Formen des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit der Nationen unseres nicht einfachen und keinesfalls konfliktfreien Kontinents eröffnen. Deshalb glaube ich, dass diese Konferenz sehr wichtig ist und bin überzeugt, dass sie auch eine gute Botschaft senden wird. Dabei gehe ich vom Bewusstsein aus, dass das Leben von Tschechen und Deutschen auf dem Gebiet unseres Staates eine tausendjährige Geschichte hat, an die wir anknüpfen müssen. Gerade die Stadt Ústí nad Labem symbolisiert ja auf prägnante Weise sowohl die erfolgreichen und freundschaftlichen, aber auch die bedeutend weniger erfolgreichen und weniger freundschaftlichen Abschnitte unserer gegenseitigen Beziehungen. Deshalb ist es gut, dass die Konferenz gerade hier stattfindet.

Heute orientieren wir uns ganz logisch vor allem auf die Gegenwart und die Zukunft der deutsch-tschechischen Beziehungen. Ich bin überzeugt, dass dies unsere erste Pflicht ist. Dennoch dürfen wir uns nicht den Luxus erlauben, die Vergangenheit zu vergessen. Wir müssen versuchen, sie gut kennen zu lernen. Versuchen, sie in ihrer ganzen Komplexität zu verstehen. Wir – und das heißt alle, die davon betroffen sind – dürfen keinen einseitigen Auslegungen unterliegen, die unsere gegenseitigen Beziehungen vor allem wegen der tragischen Entwicklung im letzten Jahrhundert unvorteilhaft belasteten und die Betrachtung der deutsch-tschechischen Beziehungen für lange Zeit schwierig gestalteten. Aus all diesen Gründen sehe ich, dass Ihre Konferenz notwendig ist. Es ist nicht gut, wenn Diskussionen dieser Art überwiegend außerhalb des Gebietes unseres Landes, ohne unsere Beteiligung oder nur mit einer wenig sichtbaren oder nicht repräsentativen Beteiligung stattfinden. Ich habe Ihre Einladung auch angenommen, um eventuell das Spektrum der Ansichten zu dieser Problematik zu erweitern und hier ein paar Worte zum gewählten Thema zu sagen. Ich kann jedoch nicht verschweigen, dass ich das Spektrum der zur heutigen Konferenz geladenen Gäste für nicht ganz ausgewogen halte. So vermisse ich zum Beispiel Vertreter des Tschechischen Verbandes der Freiheitskämpfer, der Tschechoslowakischen Legionärsgemeinde, des Verbandes der im 2. Weltkrieg in Deutschland zwangseingesetzten tschechoslowakischen Bürger, des Klubs des tschechischen Grenzgebietes usw.

Gleich zu Beginn möchte ich betonen, dass – aus historischer Sicht – die Zeiten des friedlichen deutsch-tschechischen Zusammenlebens und der gegenseitigen Bereicherung viel länger sind als die Zeit der gegenseitigen Entfremdung und vor allem viel länger als die Ära der so offenen Feindschaft, die die Entwicklung der dreißiger Jahre des 20. Jh. mit sich gebracht hat. Auf beiden Seiten der Grenze wäre es deshalb angehalten, so weit wie möglich daran anzuknüpfen, was in Jahrhunderten überwiegte. Das ist eine friedliche und gegenseitig förderliche Koexistenz, die mit zum Entstehen dieses einzigartigen mitteleuropäischen Kulturraums beigetragen hat, wozu auch die Stadt Ústí nad Labem und diese gesamte Region gehören.

Sicherlich hat niemand von uns die Absicht, die gegenseitigen Beziehungen zu idealisieren. Das deutsch-tschechische Zusammenleben war in der Vergangenheit so unruhig, wie das Leben von Nationen und Einzelnen ist. Viele Kriege, Zwiste und Zusammenstöße sind über die Grenzen gebrodelt, aber dennoch glaube ich sagen zu können, dass die tiefsten Spuren von deutscher Seite in unserem Lande von jenen stammen, die in Frieden kamen. Sei es auf Einladung der böhmischen Herrscher zur Besiedlung der Urwälder an den Landesgrenzen, seien es Künstler, Baumeister, Handwerker und Unternehmer gewesen, die bis heute bewunderte Kulturdenkmäler mit geschaffen haben, oder seien es auch jene, die sich an der Umwandlung der böhmischen Kronländer in ein modernes Industrieland beteiligt haben. Wir sollten an ihr Erbe anknüpfen.

In gewissem Maße kann auch gesagt werden, dass die deutsche Kultur über Jahrhunderte eine Brücke darstellte, die uns die Gegenwart des europäischen Kulturgeschehens vermittelte. Viele Male war sie Inspiration und Motivation für die tschechische Kultur. Vielleicht war es gerade diese besondere Symbiose, die Persönlichkeiten oder Werke ans Licht der Welt gebracht hat, auf die wir stolz sind, ohne uns dabei mit der Nationalität ihrer Schöpfer zu befassen. Peter Parler, Matthias Braun, die Dientzenhofers, Rilke, Kafka, Werfel, Husserl, Schumpeter, Freud. Diese Namen, die einem ohne großes Nachdenken in den Sinn kommen, sind Namen hervorragender – deutscher oder Deutsch sprechender – Persönlichkeiten, die eindeutig zu unserem Lande gehören.

Die böhmischen Kronländer waren oft eine Geburtstätte für Prozesse, die in ihren Folgen nicht nur das Schicksal unserer Nationen, sondern das von ganz Europa entschieden. Die Hussitenbewegung war ein Vorzeichen der Reformation, die gerade Deutschland so stark beeinflusst hat. Der für beide Völker fatale dreißigjährige Krieg begann mit dem Prager Fenstersturz aus der Burg, dem heutigen Sitz der tschechischen Präsidenten. Wir können nur ahnen, welchen Weg die Weltgeschichte ohne die dramatische Entwicklung des deutsch-tschechischen Problems in der Tschechoslowakischen Republik zwischen den Weltkriegen genommen hätte.

Somit komme ich zu dem schwierigsten Augenblick. Die Zeit des zweiten Weltkriegs hatte für unser gegenseitiges Zusammenleben die fatalsten Folgen. Seine Vorbereitung, die Entfachung, der Verlauf, aber auch seine Folgen in der unmittelbaren Nachkriegsentwicklung, in damaliger Zeit des bizarren, aber doch schon Friedens gehören zu den tragischen Momenten der europäischen Zivilisation, aber es sind Ereignisse, die wir, die heute Lebenden, nicht mehr rückgängig machen können. Wir können sie nicht auf andere Weise ablaufen lassen. Wir haben keine Mittel, um sie auf eine Art geschehen zu lassen, die wir mit unseren Erfahrungen und Weltansichten heute als richtig erachten würden. Davon müssen wir ausgehen.

Die Überwindung jener Zeit wurde dadurch erschwert, dass im Februar 1948 der eiserne Vorhang viel, der die Tschechen, aber auch einen Teil der Deutschen für vierzig lange Jahre von der freien Welt isolierte. Auch in jener schweren Zeit finden wir jedoch positive Beispiele, auf denen wir für die Zukunft aufbauen können. Dabei denke ich an die Rolle, die die demokratische Tschechoslowakei noch vor dem Münchner Abkommen für die deutsche antifaschistische Emigration gespielt hat, aber auch an die Bedeutung der demokratischen Bundesrepublik Deutschland in der Zeit des Kommunismus für die tschechische Emigration.

Heute bleibt uns die Aufgabe, die in jenen schlimmen Augenblicken des 20. Jahrhunderts entstandenen Vorurteile aus unseren gegenseitigen Beziehungen zu entfernen. Suchen wir deshalb neue Impulse und neue Initiativen, verbleiben wir dabei jedoch nicht bei gefälligen Phrasen oder Schlagworte. Ihre Konferenz haben Sie “Toleranz statt Intoleranz” genannt. Ich glaube nicht, dass diese Bezeichnung genau und korrekt ist. Ich glaube nicht, dass wir über die Vergangenheit und vor allem über die Ereignisse der dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Kategorien der heutigen Toleranz oder Intoleranz oder in den Kategorien einer heutigen gegenseitigen Versöhnung oder Nichtversöhnung denken sollten. Das sind Worte in eine andere Richtung. Die menschliche Toleranz ist für uns, die wir heute in diesem Saal sind, sicherlich einer der höchsten Werte. In demokratischen Ländern kenne ich niemanden, der das Gegenteil, also Intoleranz verkünden würde. Die überwiegende Mehrheit von uns hat oder kennt ja sogar Niemanden, mit dem sie nicht versöhnt wäre. So Unversöhnte gibt es nur sehr wenig unter uns. Aus diesen Gründen ist eine solche Benennung des deutsch-tschechischen Themas meiner Meinung nach ungeeignet. Hoch klingende Worte über die Notwendigkeit von Toleranz und Versöhnung werden außerdem von Einigen als Maske verwendet, mit der sie ihre augenfälligen Bemühungen verdecken wollen, die Vergangenheit zu ändern oder ihr eine ganz neue Interpretation zu verleihen. Das betrachte ich als inakzeptabel und bin nicht bereit, mich daran zu beteiligen.

Suchen wir doch ein anderes Ausgangs-Paradigma, einen anderen Leitgedanken. Bauen wir die Zukunft der deutsch-tschechischen Beziehungen nicht auf der ständigen Belebung der tragischen Seiten der Geschichte, auf Versuchen, die Schuld der einen oder anderen zu vergleichen oder das Versagen der einen oder anderen Generation unserer Vorfahren zu rechtfertigen. Suchen wir sie auch nicht in Versuchen, die Geschichte umzuschreiben oder zu verbessern. Ich würde mir sehr wünschen, in unserer Stellung zur Vergangenheit Demut zu finden, ebenso wie die Fähigkeit – im Einklang mit der Sichtweise des großen deutschen Philosophen Karl Jaspers – das Gefühl einer abstrakten Schuld zu akzeptieren und daraus einen einfachen und allen verständlichen moralischen Imperativ abzuleiten: niemals die Wiederholung von Tragödien der Vergangenheit zuzulassen. Ich rufe deshalb zur Versöhnung mit der Vergangenheit auf. Nur sie schafft die Voraussetzung für gute nachbarschaftliche Beziehungen, die wir so sehr brauchen.

In der heutigen Zeit haben wir dazu außerordentlich günstige Voraussetzungen. Unsere gegenseitigen Beziehungen sind sehr gut. Unsere politischen Vertretungen sind bereit – im Einklang mit dem Text der Gemeinsamen deutsch-tschechischen Erklärung, die ich vor sieben Jahren mit Bundeskanzler Kohl unterzeichnet habe – unsere Beziehungen nicht mit der Problematik der Vergangenheit zu belasten. Die Zukunft ist unsere Priorität. Nutzen wir die Vergangenheit als Inspiration und seien wir uns, Deutsche und Tschechen, gegenüber großmütig. Nur so wird uns eine gute Zukunft erwarten.

Václav Klaus, Konferenz “Toleranz statt Intoleranz”, Ústí nad Labem, 28.3.2004

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