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Notizen für die Rede beim Forum St. Georg: Die Welt von Heute und Ihre Feinde

Deutsche Seiten, 22. 8. 2025

Sehr geehrter Pater Prior Justinus, sehr geehrter Pater Buchmaier, sehr geehrte Damen und Herren, 

vielen Dank für Ihre Einladung zu diesem Forum. Es hat mir die einzigartige Gelegenheit gegeben, das Stift Vyšší Brod (Hohenfurth) zum ersten Mal in meinem Leben zu besuchen. Ich schäme mich, dass ich hier, in diesem weltberühmten Kloster, noch nie gewesen bin. In Südböhmen, wo meine Familie seit mehreren Jahrzehnten ein altes Landhaus besitzt, bin ich relativ oft. Vielen Dank für diese Gelegenheit. 

Ich bin mir nicht sicher, ob ich der richtige Redner für Ihre Vortragsreihe mit dem Titel „Das christliche Menschenbild“ bin. Das muss ich gleich zu Beginn sagen. Trotz aller meiner Zweifel habe ich Ihre Einladung angenommen. Die entscheidende Information war für mich Ihr Einladungsbrief. In diesem Brief, den ich im Januar dieses Jahres erhalten habe, haben Sie Themen wie „Zukunft Mitteleuropas“, „kulturelle Identität“, „nationale Souveränität“, „Globalismus“ erwähnt. Das sind – besonders in den letzten Jahrzenten – auch meine Themen, obwohl ich ursprünglich ein akademischer Volkswirt war, der sich – vor fast 60 Jahren – in seiner Doktorarbeit mit dem Thema Inflation beschäftigt hat. 

Die Inflation haben wir noch. Oder wieder. Vor drei Jahren habe ich ein Buch mit dem Titel „Die Rückkehr der Inflation“ veröffentlicht. Das gehört aber nicht zum Forum St. Georg. Das ist zu profan. 

Die Debatte über die Bedrohung der traditionellen Gesellschaft in Europa und im ganzen Westen halte ich heute, in dem ersten Drittel des 21. Jahrhunderts, für viel wichtiger. Damit will ich nicht sagen, dass wir die heutige unverantwortliche Verschuldung unseres Landes und ganz Europas überstehen werden. 

Die Entwicklung der heutigen Welt, und besonders der westlichen Welt, sehe ich wahrscheinlich ähnlich wie Sie. Das heißt, sehr kritisch. Ich finde diese Entwicklung gefährlich. Unlängst haben wir in meinem Institut zwei Bücher mit dem Titel „Die Selbstdestruktion des Westens“ veröffentlicht, leider nur in tschechischer Sprache. (Viele andere Texte zu diesem Thema haben wir auch auf Englisch und Deutsch.) Was ich betonen möchte, ist das Wort „Selbstdestruktion“, nicht Destruktion. 

Damit möchte ich sagen, dass wir nicht von außen, aus dem Norden, Süden oder Osten direkt angegriffen wurden. Die wichtigste Rolle in diesem multidimensialen Prozess spielt, meiner Überzeugung nach, unsere innere Schwäche, unser durchgehendes, allmähliches und schon lange Zeit andauerndes Verlassen der Grundprinzipien und den Hauptsäulen der westlichen Zivilisation, die ich im Christentum, im philosophischen Individualismus Athens und in den staatsrechtlichen Theorien Roms sehe. 

Diese Säulen wurden in der Geschichte immer wieder angegriffen. Das, was wir erleben, ist nichts Neues. Die heutige Schwäche von uns, die diese Säulen gerade jetzt verteidigen sollten, spielt eine immer größere Rolle. Auf der politischen Ebene diskutieren wir (oder, besser gesagt, diskutieren die heutigen Politiker, Aktivisten und Journalisten, besonders bei uns) diese Frage meistens im Zusammenhang mit der Oktoberrevolution in Russland im Jahre 1917. 

Für mich sollte man den Anfang des fundamentalen Angriffs der unverantwortlichen Modernität auf die traditionelle Gesellschaft und den Beginn des Verlassens des alten, in der Vergangenheit spontan entstandenen Denkens schon in der Ära der Französischen Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts suchen. Nicht nur Karl Marx und Lenin, sondern auch Jean-Jacques Rousseau sind die geistigen Großväter der heutigen Welt. 

Ich weiß, dass ich zu der Welt von gestern gehöre. Deshalb lese ich und zitiere ich immer wieder das wunderschöne Buch von Stefan Zweig „Die Welt von gestern“. Die heutige Welt ist jedoch ganz anders als die Welt von Stefan Zweigs Ära. Die Themen, die Sie in Ihrer Einladung erwähnt haben – nationale Souveränität, Globalismus, Mitteleuropa, konservativ-traditionalistischer Diskurs, katholische Traditionen – zeigen, dass Sie ähnliche Zweifel und Befürchtungen haben. 

Ich habe zwei – für mich – wichtige geschichtliche Geschehnisse und Wendepunkte der gestrigen und vorgestrigen Ära erwähnt – die Französiche und die Russische Revolution. Verschiedene Phänomene der heutigen Ära zeigen, dass wir uns in einem ähnlichen historischen Moment befinden – im Moment einer anderen Revolution, die ich die progressivistische Revolution nenne. Heute gibt es noch keine Bastille in Paris und keinen Winterpalast in St. Petersburg, die die heutige radikale Wende auch so klar wie diese zwei Stellen symbolisieren könnten. Das sollte aber unser Denken nicht beirren. Die ähnlich tiefstehenden strukturellen Verschiebungen der Gesellschaft wie damals sind wieder da. Der Feind bleibt aber zerstreut, ohne eine identifizierbare, führende Figur, die allgemein anerkannt ist. Wie ich immer sage: Kommunismus war in dieser Hinsicht ein leicht definierbarer Feind. Oder war es im Jahr 1789 und im Jahr 1917 auch noch nicht so klar wie heute? Alles ist noch in Bewegung. Man braucht einen Abstand für eine richtige Bewertung der Lage. 

Ich weiß nicht, wie man unsere heutigen Gegner und Feinde, aber auch unsere heutigen Ziele und Ambitionen einfach und für alle verständlich benennen sollte. Der bekannte deutsche konservative Chefredakteur der Zeitschrift CATO, Ingo Langner, betitelte sein Editorial in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift: „Für eine deutsche demokratische Revolution“ (CATO, 4/2025). Ist das Wort „demokratisch“ geeignet? Ist es ein relevantes „catchword“? Teilweise ja. Auch ich spreche oft über die Dedemokratisierung der heutigen europäischen Gesellschaft, aber das Wort „demokratisch“ ist nur eine von mehreren Dimensionen dieses ganzen Prozesses. 

Wir sind mit einem synergischen Effekt von verschiedenen Ideologien oder Ismen konfrontiert, die die Welt zusammen zur Dekonstruierung bringen. Für mich bleibt als das Wichtigste, dass bei uns alles hier im Westen „hausgemacht“ wurde. Es handelt sich nicht um einen Import aus dem Ausland. 

Meine Kritik der heutigen Gesellschaft ist grundsätzlicher Natur. In der kommunistischen Zeit haben wir viel verloren. Das muss man in diesen Räumen, an diesem Ort, nicht genügend betonen. Ich bin aber überzeugt, dass wir damals auch etwas Wichtiges gelernt haben. Es genügt nicht, über die kommunistische Vergangenheit nur zu lesen. Unsere persönliche Erfahrung zeigt sich als unersetzlich. Deshalb sind wir, wir in den ex-kommunistischen Ländern, gegenüber der heutigen Welt kritischer als Menschen, die eine solche Erfahrung nicht gemacht haben. Das sieht man in der Debatte über Politik, über Volkswirtschaftslehre, als auch in anderen Sozialwissenschaften. 

Diese Erfahrung kann leider sehr schnell verloren gehen. Die neuen Generationen bei uns, die die kommunistische Ära nicht erlebt haben, sind schon ganz anders. Das erhöht meine heutige Nervosität. Und meine Befürchtungen. 

Man sollte darüber ein dickes Buch schreiben, was ich – besonders in der deutschen Sprache – nicht fähig bin. Ich habe die deutsche Sprache nur in der Schule gelernt. In Deutschland oder Österreich habe ich nie gelebt. Deshalb heute nur ein paar Bemerkungen. Wie ich es sehe, erleben wir einen brutalen Angriff auf die Vergangenheit und damit auch auf die Gegenwart und auf die Zukunft der westlichen Gesellschaft. Der Angriff kommt von innen. 

Ich konzentriere mich nicht auf die einzelnen Phänomene, die wir sehen und die einige von uns schon lange Zeit kritisieren. Die Einzelheiten sind wichtig, aber sie zu kritisieren, genügt nicht. Solche Kritiker haben zusätzlich oft das Gefühl, dass sie ihre Rolle mit dieser Kritik schon erfüllt haben. Wer und wie sollte aber die folgenden Schritte machen? Andere Menschen? Das Gute zu predigen, reicht nicht aus. 

Unsere Gegner sind nicht die einzelnen Individuen, sondern Gruppierungen solcher Individuen, die diese vernichtenden Argumente ideologisch durchsetzen. Deshalb konzentriere ich mich auf die bekanntesten Ideologien (oder, wie ich sage, Ismen). 

Der Angriff kommt nicht von einer Stelle. Er kommt von mehreren Ismen (Doktrinen) und ihrer Repräsentanten, was mich an die totalitäre Natur des Kommunismus erinnert. Der heutige Angriff ist besonders mit dem Progressivismus, mit dem Environmentalismus, mit dem Multikulturalismus und Globalismus, und mit dem Genderismus verbunden. Jeder von diesen Ismen verdient eine seriöse Diskussion und mindestens eine eigene Vortragsreihe hier in Vyšší Brod. Sie, zusammen, parallel und gleichzeitig, gehören für mich zu den Hauptproblemen der heutigen Gesellschaft. Ich möchte wiederholen, dass ich nicht fähig bin, unbestreitbare führende Repräsentanten dieser Ideologien (und Doktrinen) zu benennen. 

Es scheint mir, dass der Progressivismus der Wichtigste in dieser Hinsicht ist. Diese Ideologie bringt eine radikale Ablehnung der Vergangenheit und der spontan entstandenen historischen Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Das führt – logischerweise – auch zur Ablehnung der Gegenwart. Man sollte konstruktivistisch neu beginnen, als ob die wunderbare Ansammlung menschlicher Erfahrungen und Kenntnisse, die wir zur Verfügung haben, nicht existierte. Etwas ähnliches wollten Revolutionäre aller Farben in der Geschichte immer, diesmal geht es leider weiter und tiefer, als ob die bekannte „Kritik der reinen Vernunft“ (von Kant schon im Jahre 1781 geschrieben) nicht existierte. Diese Revolutionäre lesen nichts. Nur ihre eigenen Narrative. 

Als nächster von diesen Ismen kommt für mich der Environmentalismus (die Deutschen manchmal sagen Ökologismus), der auf der Unterdrückung der Position des Menschen und auf der Vergöttlichung der Natur gegründet ist. Der Mensch verliert seine ursprüngliche Position, die Natur, d.h. ihre aktiven, von niemandem gewählten Repräsentanten, die auserwählten Individuen, diktieren, was wir denken und tun sollen. Der Anthropozentrismus wurde durch den Ökozentrismus ersetzt. Die ökonomische Rationalität wurde abgelehnt und zur Karikatur verändert. Der jüngste Blackout in Spanien und Tschechien auf der einen Seite und auf der anderen die weitgehende und unersetzbare Immiseration der Menschen durch den Green Deal, wurden nur als eine unwichtige Kleinigkeit betrachtet. Im Prinzip handelt es sich um den Sieg der Irrationalität in einer bis heute relativ noch rationalen Gesellschaft. 

Eine weitere Dimension gibt dazu der Multikulturalismus und ihn begleitender Globalismus. Er predigt die Ablehnung des Begriffs Nation (und Volk) und des Konzepts des Nationalstaates, die die Basis der modernen demokratischen Gesellschaft darstellen. Ohne das Volk und klar definierte Grenzen des Raumes, in dem dieses Volk lebt und das gemeinsame Leben organisiert, kann Demokratie nicht existieren. Demokratie braucht einen Nationalstaat. Demokratie existiert nicht in Reichen oder Imperien. Deshalb kann es in der Europäischen Union keine Demokratie geben. 

Das demokratische Defizit, das oft als eine von mehreren Charakteristiken der Europäischen Union präsentiert wird, ist kein leicht ersetzbares Detail der EU. Das zu behaupten ist ein fundamentaler Irrtum und eine falsche Ambition. Dieses Defizit kann man nicht „verbessern“ oder „verkleinern“. Dieses Defizit ist eine unbeseitigbare Charakteristik der EU und ist mit der Absenz eines europäischen Volkes verbunden. Zu sagen, dass es nur eine Kleinigkeit ist, gehört zu den beliebten Voraussetzungen der Eurokraten. 

Wie ich immer sage, die Welt ist multikulturell und sollte multikulturell bleiben. Der Staat ist aber im Prinzip monokulturell und sollte so viel wie möglich monokulturell bleiben. Ein Staat erfordert zu seinem Funktionieren ein gewisses Niveau der Homogenität. Das wusste aber Frau Bundeskanzlerin Merkel im Jahre 2015 leider nicht. 

Man darf nicht den Genderismus vergessen. Der Genderismus betrifft eine weitere Dimension der ganzen Debatte, die noch tiefer steht und noch tiefer geht. Diese Doktrin stellt einen direkten Angriff auf die menschliche Natur dar. Sie leugnet die biologische Natur des Menschen und behauptet, dass der Gender (nicht das Geschlecht) ein soziales Konstrukt und eine freiwählbare Charakteristik ist. Das kann die katholische Kirche, aber nicht nur sie, niemals akzeptieren – glaube ich. 

Hier, in dieser Gruppe, kann ich mir erlauben zu sagen, dass ich nicht fähig bin, die – in meinen Augen – relativ milden und vorsichtigen Einwände und Proteste der katholischen Hierarchie zu diesem Thema zu verstehen. Als ich vor 20 Jahren mein Präsidenten-Veto gegen das Gesetz über die so genannte registrierte (oder vielleicht eingetragene) Partnerschaft formuliert habe, haben sich einige von ihnen bei mir bedankt, aber nur sehr leise, weder schriftlich noch in den Medien. Als sie mich damals für meine Position in einer kleinen Gruppierung auf der Prager Burg lobten, fragte ich sie, warum sie selbst das nicht laut sagen. Die Antwort war: „Das können wir uns nicht erlauben“. Viele Menschen sind in dieser Hinsicht aus unterschiedlichen Gründen zu diesem Thema sehr vorsichtig. Genderismus ist aber nicht die Debatte über sexuelle Besonderheiten der individuellen Menschen, sondern über die Substanz der menschlichen Gesellschaft, die mit der Existenz der Familie verbunden ist. 

Ich spreche hier über Ismen, über Ideologien, die in meinen Augen die Substanz der heutigen Welt angreifen und fundamental ändern. Ich spreche absichtlich nicht über einzelne Namen und Personen. Wie ich schon sagte, gibt es noch keine unumstrittenen Namen, die diese Ismen auf komplexe Weise symbolisieren können. Das ist für unsere Kritik an diesen Haltungen ein großer Nachteil. Menschen brauchen Symbole, doch bisher gibt es sie nicht. 

Was sollte man damit machen? Man sollte solche Treffen wie das heutige in Vyšší Brod organisieren. Das allein genügt aber nicht. Die kritischen Ideen sind da, aber diese Ideen müssen in die menschliche Tätigkeit transformiert werden. Jene kollektive, nicht individuelle Aktion muss politisch gemacht werden. Politik braucht politische Parteien, aber solche, ideologisch klar definierten Parteien haben wir bei uns heute leider nicht. Ich bin nicht gegen NGOs, sofern sie politische Parteien nicht ersetzen wollen. Die politisch aktivistischen NGOs – trotz guten Absichten – gehören zum Problem der heutigen Welt, nicht zu ihrer Lösung. 

Es ist „fashionable“, es gehört zum guten Ton, die Politik als etwas zu betrachten, was für seriöse Menschen nicht geeignet ist. Eine grundsätzliche Wende lässt sich aber ohne Politik nicht verwirklichen. Dass wir eine normale Politik brauchen, ist meine Hauptbotschaft, die ich immer – und auch hier heute – zu verbreiten bemüht bin. 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.  

Václav Klaus, Katholisches Forum St. Georg, Stift Vyšší Brod, 29. August 2025

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